Als Ray Tomlinson 1972 die erste E-Mail verschickte, war er sich der Tragweite seiner Handlung nicht bewusst. Noch Jahrzehnte später sollte seine Erfindung der meist genutzte Dienst im Internet sein. Selbst die großen Spam-Wellen hat sie überständen. Nun könnte sie für Verlage eine attraktive Alternative zu Facebook werden.

Denn dessen Algorithmus bestimmt zunehmend darüber, was seine Nutzer zu sehen bekommen und was nicht. Laut einem Experiment der Washington Post sind heute nahezu die Hälfte aller Beiträge, die in der Facebook Timeline auftauchen, älter als ein Tag. Die meisten aktuellen Beiträge erscheinen überhaupt nicht auf dem Bildschirm. Wollen Unternehmen mehr Reichweite, müssen sie dafür zahlen. Das gilt auch für Verlage.

Die jedoch trifft es besonders hart. Mit ihren werbefinanzierten Webseiten sind viele von ihnen auf die Reichweite des größten sozialen Netzwerks angewiesen. Denn Reichweite bedeutet Seitenaufrufe und Seitenaufrufe bedeuten Geld durch ausgespielte Werbung. Kappt Facebook die Reichweite, verlieren die Verlage Geld. Viel Geld.

Auf der Suche nach Alternativen haben die Online-Redaktionen nun die E-Mail – besser gesagt, den täglichen E-Mail-Newsletter – wiederentdeckt. Und der Erfolg scheint ihnen Recht zu geben. So erreichen das Handelsblatt, die Süddeutsche, Bild oder die ZEIT mit ihren Newslettern jeweils eine stolze sechsstellige Anzahl an Abonnenten. Freiwillig wohlgemeint, denn kein Leser wird zu einem Newsletter-Abonnement gezwungen.

Das Erstaunliche ist, dass E-Mail-Newsletter das genaue Gegenteil von dem sind, was heutzutage vom Internet erwartet wird. Weder ermöglichen Sie gegenseitige Kommunikation in Echtzeit, noch sind sie sekundenaktuell. Vielleicht suchen die Nutzer aber nach etwas völlig anderem. Vielleicht legen eben jene mehr Wert auf einen täglichen Überblick der wichtigsten Nachrichten, den sie zu einem festen Rhythmus erhalten. Ganz so, wie man es sonst nur von klassischen Medien, wie der Tageszeitung oder den Acht-Uhr-Nachrichten im Fernsehen kennt.

Wenn dem so ist, dann ist es für die Verlage an der Zeit umzudenken. Anstelle von Social-Media Buttons sollten sie Newsletter Buttons in ihre Webseiten einbauen. Sie sollten alles daran setzen, ihren Nutzer die gute alte E-Mail schmackhaft zu machen. Ein Blick über den großen Teich zeigt, welches Potenzial hier schlummert. Dort erreicht der tägliche Newsletter der US-amerikanischen Nachrichten-Webseite “The Daily Beast” mittlerweile mehr als 600.000 klickende Abonnenten.

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